Mittwoch, 7. April 2010

Chapeau!

Ich werde mich bemühen, in diesem Post nicht allzu viele Wortspiele zum Thema Kopfbedeckungen aus dem Hut zu zaubern, sondern auf der Hut zu sein, was die zahlreichen Sprichwörter hierzu angeht. Denn wäre dies ein kommerzieller Blog, so könnte ich nach derlei Verfehlungen wohl gleich meinen Hut nehmen.

Doch Spaß beiseite: so sehr der Hut auch im deutschen Sprachgebrauch verankert ist, so selten begegnet man ihm noch auf der Straße. Vor kurzem habe ich mir mal wieder Francis Ford Coppolas "Paten" zu Gemüte geführt. Und abgesehen davon, dass es sich hierbei um einen dieser Filme handelt, die wirklich jeder Mann - sowie jede Frau, die über den tragischen "Unfall" eines Rennpferdes hinwegsehen kann - gesehen haben sollte, ist es auch ein Film, der in Sachen Mode Maßstäbe für denjenigen setzt, der einmal wirklich gut angezogen sein möchte. Was immer die Mafia auf der Leinwand auch Grausames anrichtet, eines kann man ihr nicht nachsagen: dabei schlecht gekleidet zu sein. Auftragsmord? Bitte, gerne, aber nur im Anzug und mit Krawatte, danke.
Zu einem großen Teil spielt der Film in den 1950er Jahren, einer Zeit, in der es für einen Herrn eher unüblich war, ohne Kopfbedeckung das Haus zu verlassen. Was ist daraus geworden?

In heutigen Tagen ist höchstens noch das Trucker-Cap mit derselben Regelmäßigkeit auf der Straße anzutreffen. Schlimmstenfalls ist es mit Tattoo-Motiven meines modischen Erzfeindes verschandelt und wird zu einem derzeit wieder äußerst beliebten (warum?? WARUM!?) Vokuhila dergestalt getragen, dass es nicht fest auf dem Kopf sitzt, sondern locker oben auf den Haaren aufliegt, um die "Frisur" ja nicht zu zerstören.

Ich sehe die e-mails sämtlicher Indie-Band-Sänger schon vor mir, deshalb: ja, ja, es gibt auch Menschen, die noch richtige Hüte tragen. Solche, die in der Form beinahe einem klassischen Fedora entsprechen. Zwar sind diese Hüte dann meist aus Stoff, nicht mehr aus Filz, doch es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Lobe ich diese Leute? Keinesfalls. Stattdessen werde ich mich bei Ikea mit Gratis-Maßbändern eindecken und jedem von ihnen eines in die Hand drücken, wenn sie an mir vorbeilaufen. Denn einen Hut in der korrekten Größe zu erwerben, das war diesen Behuteten nicht vergönnt. Nein, ihre Kopfbedeckungen sind zu groß und sitzen knapp über den Augenbrauen - oder, schlimmer noch, sind zu klein. Dann erinnern ihre Träger an den Affen eines Leierkastenmannes (einer Berufsgruppe, die inzwischen offenbar dasselbe Problem wie den Hut ereilt hat; man sieht sie kaum noch). Diesen possierlichen Tierchen wurden in purer Verachtung des "keine Kleidung für Tiere"-Grundsatzes sehr kleine Hüte auf den Kopf geschnallt. Sie waren deshalb so klein, damit der Affe sich nicht durch den Hut irritiert fühlte, und versuchte, den Hut kreischend vom Kopf zu reißen. Bei den Menschen mit zu kleinen Hüten bin ich allerdings versucht, diesen kreischend herunterzureißen und dem Träger bei Unverständnis gegebenenfalls noch eine Bisswunde zuzufügen.

Humphrey Bogart mit Fedora

Eine geschätzte Leserin, J., veranstaltet anlässlich ihres Geburtstages eine "Hut-Party". Abgesehen davon, dass es eigentlich eine Unsitte ist, in geschlossenen Räumen die Kopfbedeckung nicht abzunehmen (bei einer solchen Party darf natürlich eine Ausnahme gemacht werden), werde ich die Gelegenheit nutzen, den perfekten Hut zu finden. Vielleicht schlicht, vielleicht etwas extravaganter. In jedem Fall rate ich meinen geneigten Lesern, sich einen klassischen Hut zuzulegen und ihn öfters mal zu tragen. Er schützt vor Regen, hilft einem "Bad Hair Day" ideal ab, man kann im Zug ein Schläfchen halten und die Fahrkarte für den Schaffner einfach in das Hutband klemmen (auch, wenn sie dann heutzutage vermutlich entwendet wird). Und mal ehrlich, können meine werten Leser sich einen eleganteren Anbandelungsversuch vorstellen, als eine Dame mit dem Lüften des Hutes auf der Straße zu grüßen? Sollten wir uns dann in der Stadt über den Weg laufen, werde ich anerkennend meinen Hut vor Ihnen ziehen.


Dorian Gray:
- ist so frei, einen weiteren Musiktipp zu geben: Something à la mode mit "Rondo Parisiano"
- läutet den Frühling ein, indem er hemdsärmelig in der Sonne sitzt
- befindet, dass die Suche nach schlichten schwarzen Derbys schwieriger ist, als bisher angenommen

Donnerstag, 25. März 2010

Hosianna!

Vermutlich liegt es an den nahezu hochsommerlichen Temperaturen, doch heute fühle ich mich bemüßigt, noch ein zweites Mal meine Meinung kund zu tun. Auf meiner Tour durch die Innenstadt hat mich nämlich eine erschreckende Erkenntnis befallen, die es mir genau genommen nicht mehr erlaubt, irgendwo anders zu leben, als in den Tiefen der arabischen Wüste oder bei einem Lendenschurze tragenden Inselvolk:

Ich kann keine Jeans mehr sehen.

Meine geneigten Leser mögen mich nicht falsch verstehen; der Blick in meinen Kleiderschrank würde jedem offenbaren, dass ich sehr, sehr viel Geld für Denim gelassen habe. Ich mag meine Jeans auch wirklich gerne, besitze alle möglichen Blautöne (sowie grau und schwarz) und finde es äußerst praktisch, dass ich sie selbst zu den ausgefalleneren Oberteilen problemlos kombinieren kann. Aber mittlerweile ist die Jeans gewissermaßen der Kim Jong Il der Hosen und duldet kaum noch andere Beinbekleidungen neben sich. Im Geschäftssektor konnte sie dem Anzug aus verständlichen Gründen den Rang noch nicht abkaufen, doch selbst hier hat sie schon Einzug gehalten. Und sonst? Vereinzelt sehe ich Revolutionäre in farbigen Chinos herumlaufen und gratuliere B. an dieser Stelle noch einmal zum Kaufe der dunkelblauen Armani-Hose, die wirklich nur eine HOSE und sonst nichts ist. Aus dem Blickwinkel eines fünfjährigen Kindes (also auf Beinhöhe eines Erwachsenen) ist die Welt ansonsten ziemlich jeansblau.

Doch warum? Die Jeans ist der Allrounder unter den Hosen. Sie schafft es, eine gewisse Robustheit und das Gefeitsein gegen alle Widrigkeiten mit der Möglichkeit zu vereinen, sich noch immer modisch zu kleiden. Etwas, was sonst kaum ein Kleidungsstück schafft. Sie verleiht Sicherheit in jedweder Hinsicht. Und genau das ist auch gleichzeitig ihr Problem: man kann sie zerreißen, anmalen und umschneidern, wie man will, es bleibt doch immer nur eine Jeans. Und irgendwann wird sie langweilig. Sie kann zwar zeigen, dass der Träger sich modisch Gedanken gemacht hat - doch getraut hat er sich kaum etwas. Meiner Ansicht nach gehört ein wenig "living on the edge" zum Leben dazu. Den blütenweißen Dandy-Anzug zur Rotweinprobe tragen. Den Faltenrock zum Fotoshooting auf dem Windschacht. Und die knallrote Hose zum Stierkampf anziehen. Denn jeder weiß, dass Stiere nicht auf die Farbe, sondern auf die Bewegung reagieren. Gefährlich wird es also nicht. Solange man gut angezogen still sitzen bleibt.


Dorian Gray:
- ist es leid, sich drei weitere Stichpunkte für diesen Tag auszudenken
- tut es aber trotzdem
- wird jetzt zu Germany's Next Topmodel zurückkehren und Heidi Klums Schützlinge belächeln

Germanisch-depressiv

Seit einigen Tagen mache ich ein kleines Experiment. Es läuft unter dem Titel "Wen würde ich photographieren, wäre dies hier ein Streetstyle-Blog?" und hat zum Inhalt - der geneigte Leser mag es schon ahnen - dass ich mir Leute auf der Straße ausgucke, deren Stil es wert wäre, an dieser Stelle erwähnt und gezeigt zu werden.

Man könnte annehmen, dass dies besonders jetzt, wenn der Frühling in der Hansestadt Einzug hält, ein äußerst leichtes Unterfangen sein dürfte. Die Sonne beschwingt die Leute, die dunklen, dicken Winterjacken verschwinden im Schrank und geben den Blick frei auf farbliche, stoffliche und kombinative Explosionen gleichermaßen... Doch weit gefehlt.
Die vorherrschenden Farben sind überall blau-schwarz; Denim unten, Schwarz oben. Bestenfalls wurde die dunkle, dicke Winterjacke gegen eine dunkle, nicht mehr ganz so dicke Übergangsjacke getauscht. Meine Tom-Ford-Sonnenbrille musste bisweilen herhalten, um die Tränen der Enttäuschung zu verbergen.

Vor kurzem erst habe ich einen Artikel über den Stil der Italiener gelesen. Die meisten darin enthaltenen Klischees waren solche, die sich letzten Endes meist doch bewahrheiten. Doch ansonsten kam der Italiener an sich recht gut weg. Wenn man darüber sinniert, so lassen sich den meisten Landsleuten bestimmte modische Gräuel zuordnen, doch gleichzeitig besitzt auch jedes Volk in gewisser Weise einen charakteristischen Stil. Das Gräuel war bei den Deutschen bisher immer die Sandalen-weiße-Socken-Kombination. Doch trifft das für Leute unter 60 noch zu? Und was ist dann der charakteristische deutsche Stil?

Auf die Gefahr hin, die riesige Zahl meiner geschätzten Leser auf einen Schlag rapide zu verringern: ich halte den typischen Deutschen modisch betrachtet für schlichtweg langweilig. Und ich glaube, dass die zwei Hauptursachen dafür 1. mangelnde Eitelkeit oder 2. schlechte Beratung sind.

Die Vertreter der ersten Gruppe haben entweder das Problem, dass sie zu wenig Zeit vor dem Spiegel verbringen. Ihr Aussehen ist ihnen egal und sie kaufen Kleidung aus purer Notwendigkeit, etwas anziehen zu müssen (dieser strenge gesellschaftliche Kodex heutzutage...), weshalb dann Dinge spazieren getragen werden wie diese farblich unmöglich zu bestimmende ("Ölschlamm"?) Strickjacke der Dame mit dem Mecki-Haarschnitt neben mir auf der Bank, die dies hier hoffentlich nicht lesen kann (oder vielleicht gerade einmal lesen sollte).
Oder aber, die Leute mit Problem Nummer 1 sehen sich einmal um und tragen dann, was alle anderen auch tragen; nicht, weil es ihnen gefällt, sondern um sich zu assimilieren. Deshalb laufen etwa 18.486.323 Mädchen und Frauen im Bundesgebiet in schwarzen Leggings, schwarzen Ballerinas und einem grauen T-Shirt-Kleid herum und in etwa ebenso viele Männer mit einer schwarzen Lederjacke mit Strickbündchen und der passenden G-Star-Jeans, die ihren Namen auf dem verlängerten Rücken in übergroßen Lettern preisgibt.

Gruppe Nummer 2 wiederum hat das Bedürfnis, sich gut anzuziehen, gerät dabei jedoch leider an modeberatende Verkäufer, denen die nicht vorhandene Lizenz entzogen werden sollte, weil sie Damen mittleren Alters in bunte Ringelshirts und schlecht sitzende Blazer zwängen.

Die Leute mit schlechtem Stil (die also Dinge, welche ich in diesem Blog durch den Dreck ziehe, kaufen, weil sie ihnen gefallen) habe ich erst einmal außen vor gelassen. Den Anderen sei gesagt, dass sie doch bitte noch einmal überlegen mögen, ob sie tatsächlich wie ein personifizierter Kik-Kleiderständer vor die Tür gehen wollen, nur weil sie zu faul sind, sich etwas mehr Mühe zu geben - oder dass sie mich einfach künftig um Rat fragen sollen.

Noch eine kurze Anmerkung zu meinem Experiment: bei der Suche seit dem vergangenen Freitag kam ich bisher auf die Zahl 6. Wer mir jetzt noch das Gegenteil der hier aufgeführten Thesen beweisen will, möge aussagekräftige Bilder schicken. Mit Nachweis über die Staatsangehörigkeit des Fotomodells. Denn Nummer 7 da drüben auf dem Gehweg zeigt mir gerade, dass man die Hoffnung nie aufgeben sollte.


Dorian Gray:
- bittet alle Besitzer von mp3-Playern, Handys und weiterem elektronischen Equipment, sich dieses künftig nicht mehr um den Hals zu hängen
- wird sich optimistisch mit einem Großvorrat an Sonnencreme eindecken
- wartet ungeduldig auf die "2" vorne bei der Temperaturangabe

Freitag, 5. März 2010

Echo... cho... o... oh no!

Silbermond. Ich+Ich. Xavier Naidoo. Andrea Berg, die Kastelruther Spatzen... Diese Liste deutscher Musik-Giganten ließe sich noch lange fortsetzen, blickt man auf die Verleihung des ECHO-Musikpreises am gestrigen Abend. Alles Namen, die weltweit bekannt sind und für Kreischorgien bei Fans jeden Geschlechts und jeder Altersrichtung sorgen... Doch Spaß beiseite. Ein Mann, unglücklicherweise Hanseat wie auch der Verfasser dieses Blogs, wurde gestern gleich zwei Mal auf die Bühne geholt - und durfte auch noch performen: Jan Delay.

Im Geiste höre ich genau jetzt das missmutige Murmeln derer, die glauben, dass man Jan Phillip Eißfeldt (vulgo: Jan Delay) keinesfalls kritisieren sollte, ist er doch einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit, kann sich ausnehmend gut anziehen, seit er dem Hip-Hop-Streetstyle abgeschworen hat und so weiter.

Doch kann er das wirklich? Jan Delay trägt seit dem Durchbruch seiner Solo-Karriere von Kopf bis Fuß beinahe ausschließlich das -eigentlich stilistisch todsichere- Label Herr von Eden. Bei den GQ-best-dressed-Wahlen im letzten Jahr belegte er Platz 16. Doch es ist an der Zeit, mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf Herrn Delay zu deuten; genauer gesagt auf seine Brusttasche.

Denn J.D. hat einen entscheidenden Fehler gemacht, der ihn mitsamt seiner himbeerfarbenen Anzüge der Lächerlichkeit preisgibt und dem totgetretenen Sprichwort vom Stil, den man nicht kaufen kann, ein weiteres Beispiel hinzufügt: das Muster seines Einstecktuches war identisch mit dem seiner Krawatte.

(c) n24.de

Mit dieser Schocktherapie könnte ich nun den Artikel beenden und sämtliche Delay-Fans weinend vor den Monitoren zurücklassen. Doch da ich von Natur aus gerne stichele (hätte das einer meiner geneigten Leser gedacht?), geht es noch ein bisschen weiter. Es sei gesagt, dass selbst Wikipedia, nicht gerade erste Anlaufstelle für die Fashionistas dieser Welt, in seinem Artikel über das Einstecktuch zu verstehen gibt, dass das Pochette "einen neuen Akzent" (Betonung liegt auf neu) setzen soll. Aufeinander abgestimmte Sets von Krawatte und Tuch sollten beim Herrenausstatter gemieden werden wie das Kloster Ettal von Schülern dieser Tage. Da kann man sein Einstecktuch gleich auf Pappe aufgesteckt und die Krawatte zum umknöpfen kaufen.

Da Delay seinen Hut aber auch mindestens zwei Nummern zu klein gekauft hat, möge es ihm nachgesehen werden. Sollte er dies hier lesen: ich biete mich gern zum nächsten Shoppingtermin als persönlicher Berater an. Und an alle weiblichen Fans: beim nächsten Konzert keine Unterwäsche werfen, sondern viele bunte hübsche Tücher. Dann hat er auch mal eine Auswahl. Ich jedenfalls werde das Einstecktuch nicht nur, wie angekündigt, bei Mänteln etablieren, sondern trage es auch zur Lederjacke. Nachahmung ausdrücklich erwünscht.


Apropos Nachahmung: zum Schluss ergeht noch eine Mitteilung in persönlicher Sache an denjenigen GQ-Redakteur, dessen Artikel auf Seite 122 der Frühjahr/Sommer 2010 Style-Ausgabe eine geradezu verblüffende Ähnlichkeit mit meinem Blogeintrag vom 17.07.09 aufweist: beim nächsten Mal, wenn ich für euch schreiben soll, einfach anfragen. Mache ich dann auch gern. Doch, wirklich!


Dorian Gray:
- leidet seit der GQ-Affäre unter massivem Verfolgungswahn
- bekommt "alors on danse" nicht mehr aus dem Ohr
- wäre gerne schneiderisch begabt, um fortan nur noch Eigenkreationen zu tragen

Sonntag, 21. Februar 2010

Das letzte Hemd hat keine Taschen

Für gewöhnlich kann man es sich als international erfolgreicher Fashion-Blogger erlauben, über modische Extravaganzen herzuziehen und die ganz üblen Fauxpas außen vor zu lassen; denn diese begehen Leute, bei denen ohnehin meist Hopfen und Malz verloren ist. Doch ab und an begibt es sich, dass man von seinem virtuellen hohen Roß hinab in den modischen Schlamm steigen muss, um diese Leute aus selbigem herauszuziehen. Meine männlichen Mitmenschen werde ich nun zu diesem Zwecke wortwörtlich am Schlafittchen packen, denn es folgt eine Abhandlung über DAS Basic jedes Mannes:


Das Hemd.


Am vergangenen Freitag hatte ich mit L. das Ciu' an der Alster besucht (für alle Nicht-Hanseaten: ehemals - so etwa 2005-2007 - einer der In-Treffs für Hamburgs verwöhnte Snob-Jugend, heute vorwiegend von Innenstädtlern als Afterwork-Lokal genutzt.) Angetan mit meiner in Paris erworbenen Yves-Klein-blauen Hose hatte ich mit einem Glas Highland-Whisky in der Hand die Gelegenheit, einer meiner Lieblingstätigkeiten nachzugehen: Leute gucken. Wir saßen eingezwängt zwischen einem Pärchen, dessen männlicher Part bei der Wahl seiner Brille besser einen Blick auf meinen letzten Blogeintrag hätte werfen sollen, sowie einem Dreiergespann vietnamesischer Transvestiten auf der anderen Seite unseres Tisches. Eine dieser drei Damen war es dann auch, die die Aufmerksamkeit eines Mittvierzigers auf sich zog, der mit einem Freund über zwei Weizengläser gebeugt an der Bar Platz genommen hatte. Dieser Herr veranlasste mich dazu, einen tiefen, beruhigenden Schluck aus meinem Glas zu nehmen, denn sein Outfit war, im wahrsten Sinne des Wortes, untragbar.

Spontan würde ich darauf tippen, dass es sich bei ihm um einen mittelständischen Angestellten handelte, der tagein, tagaus zu große, schlotterige Anzüge mit dicken, hässlichen Nadelstreifen darauf und noch dickeren, noch hässlicheren Krawattenknoten darunter trägt. Doch für seine Freizeit hatte er sich etwas besonderes ausgedacht: sein grusligschlammfarbenkariertes Hemd trug er aus der Cargohose heraus hängend, um seine schier unglaubliche Jugendlichkeit zu demonstrieren. Als er zu dem Tisch mit den drei Grazien betont lässig herübergeschlendert kam, lächelte ihm sein Begleiter (das ebenfalls farblich undefinierbare Hemd selbstverständlich aus der Hose herausgezogen) bewundernd hinterher und nickte einen männlich-sinnierenden Gruß in sein Weizenbierglas. Die Abfuhr, die der mutige Verführer natürlich kassierte, hätte ich schon aus 500 Metern Entfernung voraussagen können.

Es ist eigentlich einfach, ein Hemd zu tragen, denn grundsätzlich kleidet es jeden Mann um ein Vielfaches besser, als es jedes andere Oberbekleidungsstück täte. Doch einige Regeln wollen auch hier beachtet werden. Zuvorderst steht hier nun einmal, dass man ein Hemd in die Hose steckt. Und zwar immer. Der Prozentsatz von Leuten, die ihr Hemd auch aus der Hose hängend tragen können, ist verschwindend gering; diese Männer sehen dann aber auch einfach so gut aus, dass sie - beinahe - alles tragen könnten und es egal ist, ob sie überhaupt eines anhaben. Hemd-aus-der-Hose trägt man mit 14 Jahren, um dagegen zu rebellieren, dass Mutti einem das Hemd früher eben immer in die Hose gesteckt hat. Spätestens zwei Lebensjahre später sollte man sich wieder besonnen haben. Und an die Männer, die glauben, damit ihren Bauch oder sonstwas kaschieren zu können: klappt ohnehin nicht. Geht trainieren oder steht dazu.

Die Musterwahl fällt leicht: Uni, Streifen, oder Karos. Fertig. Kein Paisley, keine Bildchen. Keine Punkte. Niemand will wie ein farbirritierter Marienkäfer aussehen. Für Karos allerdings gilt, dass sie nicht an kanadische Holzfäller erinnern sollten. Außer, der Träger ist kanadischer Holzfäller. Oder hat zumindest dessen Aussehen (über 1,90m groß, Preisboxer-Kreuz). Jeder sonst wirkt in rot-grünen Flanellkaros wie der wiederauferstandene Sänger einer gewissen Grunge-Band.

Bei den Farben sollte darauf geachtet werden, dass sie klar sind. Ich habe gegen braune Hemden absolut nichts, es sei denn, sie erinnern mich an den Streusand-Matsch auf den Straßen dieser Tage. Sonst ist erlaubt, was gefällt (an alle Anwälte, die jetzt mit ihrem pinken Hemd in der erzkonservativen Großkanzlei unangenehm auffallen: auf den Anlass darf geachtet werden).

Zu guter Letzt: der Schnitt. Jedes Hemd sollte körperbetont sitzen, natürlich sollte jedes Kleidungsstück gut sitzen. Doch bei Hemden tritt, insbesondere bei Anzugträgern, gelegentlich das Phänomen auf, dass die Besitzer meinen, das Hemd sei ja ohnehin nur "zum druntertragen" und könne auch etwas flattern. Kann es nicht. Darf es nicht. Die Ärmel werden zwangsläufig zu lang sein, was auffällt, die Brust wird Falten werfen. Und zu Kurzarm-Hemden muss ich nicht wirklich etwas schreiben, oder?

Eigentlich alles gut zu verstehen und zu befolgen. Im Ciu' jedenfalls war ich in Gedanken bereits aufgestanden, hatte den Herrn gestoppt, ihm schnell mein Brooks-Brothers-Hemd geliehen (und in den Hosenbund gestopft), ein paar gute Worte mit auf den Weg gegeben und sein Weizenglas gegen einen Tumbler vertauscht, um seinen Anbandelungsversuch zum Erfolg zu führen. In der Realität bewegte ich mich natürlich keinen Zentimeter, sondern genoss das klägliche Scheitern des Flirts, um süße Rache für die aufgestellten Härchen in meinem Nacken zu nehmen, die sein Outfit verursacht hatte.


Dorian Gray:
- prophezeit einen rasanten Sturz des McQueen-Labels
nach dem Ableben seines Schöpfers
- wünscht dem Winter alles Gute auf seiner hoffentlich baldigen Reise aus der Stadt
- möchte Einstecktücher auch bei Mänteln propagieren

Dienstag, 26. Januar 2010

Lunettics

Um den diversen modischen Eigenheiten meiner Heimatstadt zeitweise zu entrinnen, verbringe ich momentan eine Woche in Paris, der Fashion-Metropole par excellence. Es ist wirklich auffällig, wie viel besser die Menschen hier angezogen sind. Dabei muss es noch lange nicht meinen Geschmack treffen (beileibe nicht, allmählich kann ich keine Hochwasser-Hosen mehr sehen), aber, um es mit B.s Worten auszudrücken: die Leute geben sich mehr Mühe. Jeder versucht, auf seine Weise individuell-gut angezogen zu sein (Betonung: versucht) und selbst ich könnte hier meine so verpönten (dies richtet sich an meine Stamm-Leser) Ralph-Lauren-hunting-boots tragen, ohne etwas anderes als Applaus und Jubelrufe an jeder Ecke zu verursachen. Gewissermaßen.

Bemerkenswert war bereits der Flug zur Seine: selbst die Deutschen im Flieger waren besser angezogen als der Bundesdurchschnitt (mit Ausnahme des Bootcut-Jeans-Mannes mit den roten Puma-Turnschuhen und den dazugehörigen weißen Tennissocken, der sich schämen sollte, mit mir in einem Flugzeug, ja, in einem FlugHAFEN zu verweilen und der die Erwähnung in diesem Post beileibe nicht verdient hat! Außerdem eine Botschaft an den Prada-Mann, der ebendiese Marke ohne Ausnahme von Kopf bis Fuß trug, ja sogar das Prada-Handy zückte: Miuccia mag eine tolle Designerin sein, aber sie ist nicht unfehlbar. Insbesondere was diese Surfschuh-artigen Stiefel angeht. Falls das Outfit beruflich vorgeschrieben sein sollte und Sie für die Dame arbeiten: andere Stücke aus der Kollektion wählen. Oder Jobbörse konsultieren.)

Wie dem auch sei, ich habe die ersten Tage in der Stadt genossen, das volle Touristen-Programm absolviert - und natürlich mein gesamtes Vermögen, meine künftigen Erben mögen es mir nachsehen, in Mode investiert. Doch ich könnte diesen Blog auch genauso gut in die virtuelle Tonne treten, würde mir nicht auch hier, im babylonischen Schmelztiegel der Stilrichtungen, etwas gegen den Strich gehen:

die Streberbrille.

Meine geneigten Leser dürften wissen, wovon ich schreibe, denn dieser klägliche Versuch, sich optisch intelligent zu geben, füllt auch hierzulande (aus Sicht des Verfassers derzeit: dortzulande) die Modemagazine und Innenstädte. Doch ici scheint tout Paris zu versuchen, diese woody-allenesque Gesichtsbeleidigung, Modell Ray-Ban-Wayfarer oder größer, zu etablieren (da es sich um TOUT Paris handelt, ist die Streberbrille per definitionem hier offensichtlich schon etabliert, doch da ich wie immer subjektiv auf meine persönliche Ansicht Bezug nehme, weigere ich mich schlicht, dies zu akzeptieren).
Frauen mit der Ausstrahlung der Bardot in den Sechzigern, Männer mit den Gesichtszügen des jungen Alain Delon, sie alle glauben, ihre Outfits mit diesem, meist schwarzen Kassengestell des Grauens ruinieren zu müssen. Ich bin außerdem überzeugt, dass bei mindestens der Hälfte aller Brillenträger nur Fensterglas zwischen die zweifingerdicken Gesichts-Zensurbalken gespannt ist.
Es ist ja gut und schön, wenn man dazu steht, dass man eine Brille benötigt - aber wenn mir Menschen entgegenkommen, bei denen ich mich frage, ob sie eine versteckte Kamera à la "Akte 09" auf der Nase tragen, dann fühle ich mich nicht nur unangenehm oft gefilmt, sondern kann auch jedes noch so schön komponierte Outfit nur unter Vorbehalt genießen.

Auf dem Weg ins Marais begegnete ich einem Herrn mittleren Alters, Typ Rechtsanwalt oder Steuerberater. Korrekt sitzender Anzug, dezente Krawatte, elegantes Einstecktuch. Auf der Nase eine goldgefasste, dünn gerahmte runde Brille. Es ist wahr: Gold ist zu jeder Zeit eine klassisch-sichere Anlagemöglichkeit. Auch, was Brillen angeht.


Dorian Gray:
- hat seinen Hemden-Horizont von Streifen auf Karos erweitert
- empfiehlt künftigen Paris-Besuchern das "Showcase", aber erst nach drei Uhr morgens
- freut sich über die Vielzahl männlicher Taschenträger hierorts

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Satanische Verse in der Handelskammer

Ich gebe gleich zu Anfang zu, dass ich meinen Blog geradezu sträflich vernachlässigt habe und entschuldige mich ausdrücklich bei meiner gigantischen Leserschaft für die Zeit des Darbens. Fakt ist zwar, dass mir in der Zwischenzeit genug Leute begegnet sind, die eine öffentliche Rüge und anschließende Geißelung verdient hätten (um nur einige zu nennen: Gummistiefel en masse, die wiederholte Rückkehr der Uschanka und die Dame mit den Overknees zum Chanel-Kostümchen, die aussah, als spiele sie die unartige Schülerin im Rektorzimmer), doch erstens ließ die Inspiration auf sich warten und zweitens muss man über einige menschenrechtsverletzende Modekatastrophen hinwegsehen können, um nicht permanent in Tränen auszubrechen. Insbesondere im Winter laufen nämlich beunruhigend viele miserabel angezogene Gestalten herum.

Gestern Abend jedoch war ich auf einem Vorstandstreffen. Ich saß F. gegenüber, der das grundsätzliche Problem hat, bar jeden Stilwissens zu sein (nicht nur, dass er schlechtsitzende Anzüge und quadratische Slipper trägt, nein, er glaubt auch, mich damit beeindrucken zu können, wenn er mir von seinem sechsstelligen Jahreseinkommen berichtet und vom Kauf seines neuen 5er BMWs. Man protzt nicht. Zumindest nicht auf diese niveaulose Art.). Jedenfalls verlor ich mich gerade träumerisch in dem 3D-Bild-artigen Muster seiner Krawatte, als eine Einladung der Handelskammer Hamburg herumgereicht wurde. Anlass war die "Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns", eine altehrwürdig hanseatische Institution.

Prinzipiell mag ich Events, die nach mehreren Jahrhunderten riechen und so besah auch ich mir die Einladung genauer. Angegeben war ein Dresscode, der das Faß meines modischen Verständnisses überlaufen ließ und mich zu diesem Post veranlasste. Es stand geschrieben:

Dunkle Kleidung ist erwünscht.

Ist es tatsächlich schon so weit mit formellen Anlässen gekommen? Ich habe mich zähneknirschend damit abgefunden, dass im Casino auch am Wochenende keine Sakkopflicht mehr herrscht und Anwälte in Jeans und Rollkragenpullover unter einer abgewetzten Robe im Gericht auftreten. Aber "dunkle Kleidung"? Treffen sich in der Handelskammer neuerdings Gothic-Anhänger zu einem gemütlichen Leseabend des Necronomicons bei Tee und Plätzchen? Hat der Schwarze Block seine Jahresversammlung dort angesetzt?

Wer die Bekleidungsregeln für solche Abendveranstaltungen festlegt, möge es doch bitte dann ganz sein lassen. Ich kann mir gut vorstellen, wie diejenige Person über dem Einladungsentwurf brütet und keine Lust hat, schon wieder ein Leihsakko zu bezahlen. Und dann die wundervollen anthrazitfarbenen, schwarzen und dunkelbraunen Hemden im Kleiderschrank findet, eines anzieht, in der schwarz-verwaschenen Jeans vor dem Spiegel steht und denkt: Junge, siehst du fesch aus. Und der Haifischkragen bringt das Herr-der-Ringe-Amulett so vorteilhaft zur Geltung. Frau Hahnkamm aus der Buchhaltung wird ihre Finger nicht von dir lassen können! Und schon ist so eine peinlich informelle Kleidungsvorschrift entstanden.

Eigentlich sollte ich aus purem Trotz in einem nagelneuen Tom-Ford-Smoking an der Versammlung teilnehmen und den Dresscodeerfinder mit einem huldvollen Nicken auf seinen Platz verweisen. Leider war die Einladung veraltet und das sicherlich aus modischer Hinsicht katastrophal verlaufene Event bereits vorüber. Ich musste mich also damit begnügen, beim Schreiben dieses Artikels meine neue Fliege zu tragen und einen Tumbler mit gutem Whisky in der Hand zu halten. Um kurz vor zwei Uhr nachmittags.


Dorian Gray:
- hat in den letzten Wochen seine handwerklichen Fähigkeiten perfektioniert
- bewundert den Herrn vom Samstagabend, der das Rauchen zu einer hohen Kunst erhoben hat
- kann es kaum erwarten, im Januar in Paris die ultimative modische Erfüllung herbeizushoppen