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Mittwoch, 7. April 2010

Chapeau!

Ich werde mich bemühen, in diesem Post nicht allzu viele Wortspiele zum Thema Kopfbedeckungen aus dem Hut zu zaubern, sondern auf der Hut zu sein, was die zahlreichen Sprichwörter hierzu angeht. Denn wäre dies ein kommerzieller Blog, so könnte ich nach derlei Verfehlungen wohl gleich meinen Hut nehmen.

Doch Spaß beiseite: so sehr der Hut auch im deutschen Sprachgebrauch verankert ist, so selten begegnet man ihm noch auf der Straße. Vor kurzem habe ich mir mal wieder Francis Ford Coppolas "Paten" zu Gemüte geführt. Und abgesehen davon, dass es sich hierbei um einen dieser Filme handelt, die wirklich jeder Mann - sowie jede Frau, die über den tragischen "Unfall" eines Rennpferdes hinwegsehen kann - gesehen haben sollte, ist es auch ein Film, der in Sachen Mode Maßstäbe für denjenigen setzt, der einmal wirklich gut angezogen sein möchte. Was immer die Mafia auf der Leinwand auch Grausames anrichtet, eines kann man ihr nicht nachsagen: dabei schlecht gekleidet zu sein. Auftragsmord? Bitte, gerne, aber nur im Anzug und mit Krawatte, danke.
Zu einem großen Teil spielt der Film in den 1950er Jahren, einer Zeit, in der es für einen Herrn eher unüblich war, ohne Kopfbedeckung das Haus zu verlassen. Was ist daraus geworden?

In heutigen Tagen ist höchstens noch das Trucker-Cap mit derselben Regelmäßigkeit auf der Straße anzutreffen. Schlimmstenfalls ist es mit Tattoo-Motiven meines modischen Erzfeindes verschandelt und wird zu einem derzeit wieder äußerst beliebten (warum?? WARUM!?) Vokuhila dergestalt getragen, dass es nicht fest auf dem Kopf sitzt, sondern locker oben auf den Haaren aufliegt, um die "Frisur" ja nicht zu zerstören.

Ich sehe die e-mails sämtlicher Indie-Band-Sänger schon vor mir, deshalb: ja, ja, es gibt auch Menschen, die noch richtige Hüte tragen. Solche, die in der Form beinahe einem klassischen Fedora entsprechen. Zwar sind diese Hüte dann meist aus Stoff, nicht mehr aus Filz, doch es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Lobe ich diese Leute? Keinesfalls. Stattdessen werde ich mich bei Ikea mit Gratis-Maßbändern eindecken und jedem von ihnen eines in die Hand drücken, wenn sie an mir vorbeilaufen. Denn einen Hut in der korrekten Größe zu erwerben, das war diesen Behuteten nicht vergönnt. Nein, ihre Kopfbedeckungen sind zu groß und sitzen knapp über den Augenbrauen - oder, schlimmer noch, sind zu klein. Dann erinnern ihre Träger an den Affen eines Leierkastenmannes (einer Berufsgruppe, die inzwischen offenbar dasselbe Problem wie den Hut ereilt hat; man sieht sie kaum noch). Diesen possierlichen Tierchen wurden in purer Verachtung des "keine Kleidung für Tiere"-Grundsatzes sehr kleine Hüte auf den Kopf geschnallt. Sie waren deshalb so klein, damit der Affe sich nicht durch den Hut irritiert fühlte, und versuchte, den Hut kreischend vom Kopf zu reißen. Bei den Menschen mit zu kleinen Hüten bin ich allerdings versucht, diesen kreischend herunterzureißen und dem Träger bei Unverständnis gegebenenfalls noch eine Bisswunde zuzufügen.

Humphrey Bogart mit Fedora

Eine geschätzte Leserin, J., veranstaltet anlässlich ihres Geburtstages eine "Hut-Party". Abgesehen davon, dass es eigentlich eine Unsitte ist, in geschlossenen Räumen die Kopfbedeckung nicht abzunehmen (bei einer solchen Party darf natürlich eine Ausnahme gemacht werden), werde ich die Gelegenheit nutzen, den perfekten Hut zu finden. Vielleicht schlicht, vielleicht etwas extravaganter. In jedem Fall rate ich meinen geneigten Lesern, sich einen klassischen Hut zuzulegen und ihn öfters mal zu tragen. Er schützt vor Regen, hilft einem "Bad Hair Day" ideal ab, man kann im Zug ein Schläfchen halten und die Fahrkarte für den Schaffner einfach in das Hutband klemmen (auch, wenn sie dann heutzutage vermutlich entwendet wird). Und mal ehrlich, können meine werten Leser sich einen eleganteren Anbandelungsversuch vorstellen, als eine Dame mit dem Lüften des Hutes auf der Straße zu grüßen? Sollten wir uns dann in der Stadt über den Weg laufen, werde ich anerkennend meinen Hut vor Ihnen ziehen.


Dorian Gray:
- ist so frei, einen weiteren Musiktipp zu geben: Something à la mode mit "Rondo Parisiano"
- läutet den Frühling ein, indem er hemdsärmelig in der Sonne sitzt
- befindet, dass die Suche nach schlichten schwarzen Derbys schwieriger ist, als bisher angenommen

Freitag, 5. März 2010

Echo... cho... o... oh no!

Silbermond. Ich+Ich. Xavier Naidoo. Andrea Berg, die Kastelruther Spatzen... Diese Liste deutscher Musik-Giganten ließe sich noch lange fortsetzen, blickt man auf die Verleihung des ECHO-Musikpreises am gestrigen Abend. Alles Namen, die weltweit bekannt sind und für Kreischorgien bei Fans jeden Geschlechts und jeder Altersrichtung sorgen... Doch Spaß beiseite. Ein Mann, unglücklicherweise Hanseat wie auch der Verfasser dieses Blogs, wurde gestern gleich zwei Mal auf die Bühne geholt - und durfte auch noch performen: Jan Delay.

Im Geiste höre ich genau jetzt das missmutige Murmeln derer, die glauben, dass man Jan Phillip Eißfeldt (vulgo: Jan Delay) keinesfalls kritisieren sollte, ist er doch einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit, kann sich ausnehmend gut anziehen, seit er dem Hip-Hop-Streetstyle abgeschworen hat und so weiter.

Doch kann er das wirklich? Jan Delay trägt seit dem Durchbruch seiner Solo-Karriere von Kopf bis Fuß beinahe ausschließlich das -eigentlich stilistisch todsichere- Label Herr von Eden. Bei den GQ-best-dressed-Wahlen im letzten Jahr belegte er Platz 16. Doch es ist an der Zeit, mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf Herrn Delay zu deuten; genauer gesagt auf seine Brusttasche.

Denn J.D. hat einen entscheidenden Fehler gemacht, der ihn mitsamt seiner himbeerfarbenen Anzüge der Lächerlichkeit preisgibt und dem totgetretenen Sprichwort vom Stil, den man nicht kaufen kann, ein weiteres Beispiel hinzufügt: das Muster seines Einstecktuches war identisch mit dem seiner Krawatte.

(c) n24.de

Mit dieser Schocktherapie könnte ich nun den Artikel beenden und sämtliche Delay-Fans weinend vor den Monitoren zurücklassen. Doch da ich von Natur aus gerne stichele (hätte das einer meiner geneigten Leser gedacht?), geht es noch ein bisschen weiter. Es sei gesagt, dass selbst Wikipedia, nicht gerade erste Anlaufstelle für die Fashionistas dieser Welt, in seinem Artikel über das Einstecktuch zu verstehen gibt, dass das Pochette "einen neuen Akzent" (Betonung liegt auf neu) setzen soll. Aufeinander abgestimmte Sets von Krawatte und Tuch sollten beim Herrenausstatter gemieden werden wie das Kloster Ettal von Schülern dieser Tage. Da kann man sein Einstecktuch gleich auf Pappe aufgesteckt und die Krawatte zum umknöpfen kaufen.

Da Delay seinen Hut aber auch mindestens zwei Nummern zu klein gekauft hat, möge es ihm nachgesehen werden. Sollte er dies hier lesen: ich biete mich gern zum nächsten Shoppingtermin als persönlicher Berater an. Und an alle weiblichen Fans: beim nächsten Konzert keine Unterwäsche werfen, sondern viele bunte hübsche Tücher. Dann hat er auch mal eine Auswahl. Ich jedenfalls werde das Einstecktuch nicht nur, wie angekündigt, bei Mänteln etablieren, sondern trage es auch zur Lederjacke. Nachahmung ausdrücklich erwünscht.


Apropos Nachahmung: zum Schluss ergeht noch eine Mitteilung in persönlicher Sache an denjenigen GQ-Redakteur, dessen Artikel auf Seite 122 der Frühjahr/Sommer 2010 Style-Ausgabe eine geradezu verblüffende Ähnlichkeit mit meinem Blogeintrag vom 17.07.09 aufweist: beim nächsten Mal, wenn ich für euch schreiben soll, einfach anfragen. Mache ich dann auch gern. Doch, wirklich!


Dorian Gray:
- leidet seit der GQ-Affäre unter massivem Verfolgungswahn
- bekommt "alors on danse" nicht mehr aus dem Ohr
- wäre gerne schneiderisch begabt, um fortan nur noch Eigenkreationen zu tragen

Sonntag, 21. Februar 2010

Das letzte Hemd hat keine Taschen

Für gewöhnlich kann man es sich als international erfolgreicher Fashion-Blogger erlauben, über modische Extravaganzen herzuziehen und die ganz üblen Fauxpas außen vor zu lassen; denn diese begehen Leute, bei denen ohnehin meist Hopfen und Malz verloren ist. Doch ab und an begibt es sich, dass man von seinem virtuellen hohen Roß hinab in den modischen Schlamm steigen muss, um diese Leute aus selbigem herauszuziehen. Meine männlichen Mitmenschen werde ich nun zu diesem Zwecke wortwörtlich am Schlafittchen packen, denn es folgt eine Abhandlung über DAS Basic jedes Mannes:


Das Hemd.


Am vergangenen Freitag hatte ich mit L. das Ciu' an der Alster besucht (für alle Nicht-Hanseaten: ehemals - so etwa 2005-2007 - einer der In-Treffs für Hamburgs verwöhnte Snob-Jugend, heute vorwiegend von Innenstädtlern als Afterwork-Lokal genutzt.) Angetan mit meiner in Paris erworbenen Yves-Klein-blauen Hose hatte ich mit einem Glas Highland-Whisky in der Hand die Gelegenheit, einer meiner Lieblingstätigkeiten nachzugehen: Leute gucken. Wir saßen eingezwängt zwischen einem Pärchen, dessen männlicher Part bei der Wahl seiner Brille besser einen Blick auf meinen letzten Blogeintrag hätte werfen sollen, sowie einem Dreiergespann vietnamesischer Transvestiten auf der anderen Seite unseres Tisches. Eine dieser drei Damen war es dann auch, die die Aufmerksamkeit eines Mittvierzigers auf sich zog, der mit einem Freund über zwei Weizengläser gebeugt an der Bar Platz genommen hatte. Dieser Herr veranlasste mich dazu, einen tiefen, beruhigenden Schluck aus meinem Glas zu nehmen, denn sein Outfit war, im wahrsten Sinne des Wortes, untragbar.

Spontan würde ich darauf tippen, dass es sich bei ihm um einen mittelständischen Angestellten handelte, der tagein, tagaus zu große, schlotterige Anzüge mit dicken, hässlichen Nadelstreifen darauf und noch dickeren, noch hässlicheren Krawattenknoten darunter trägt. Doch für seine Freizeit hatte er sich etwas besonderes ausgedacht: sein grusligschlammfarbenkariertes Hemd trug er aus der Cargohose heraus hängend, um seine schier unglaubliche Jugendlichkeit zu demonstrieren. Als er zu dem Tisch mit den drei Grazien betont lässig herübergeschlendert kam, lächelte ihm sein Begleiter (das ebenfalls farblich undefinierbare Hemd selbstverständlich aus der Hose herausgezogen) bewundernd hinterher und nickte einen männlich-sinnierenden Gruß in sein Weizenbierglas. Die Abfuhr, die der mutige Verführer natürlich kassierte, hätte ich schon aus 500 Metern Entfernung voraussagen können.

Es ist eigentlich einfach, ein Hemd zu tragen, denn grundsätzlich kleidet es jeden Mann um ein Vielfaches besser, als es jedes andere Oberbekleidungsstück täte. Doch einige Regeln wollen auch hier beachtet werden. Zuvorderst steht hier nun einmal, dass man ein Hemd in die Hose steckt. Und zwar immer. Der Prozentsatz von Leuten, die ihr Hemd auch aus der Hose hängend tragen können, ist verschwindend gering; diese Männer sehen dann aber auch einfach so gut aus, dass sie - beinahe - alles tragen könnten und es egal ist, ob sie überhaupt eines anhaben. Hemd-aus-der-Hose trägt man mit 14 Jahren, um dagegen zu rebellieren, dass Mutti einem das Hemd früher eben immer in die Hose gesteckt hat. Spätestens zwei Lebensjahre später sollte man sich wieder besonnen haben. Und an die Männer, die glauben, damit ihren Bauch oder sonstwas kaschieren zu können: klappt ohnehin nicht. Geht trainieren oder steht dazu.

Die Musterwahl fällt leicht: Uni, Streifen, oder Karos. Fertig. Kein Paisley, keine Bildchen. Keine Punkte. Niemand will wie ein farbirritierter Marienkäfer aussehen. Für Karos allerdings gilt, dass sie nicht an kanadische Holzfäller erinnern sollten. Außer, der Träger ist kanadischer Holzfäller. Oder hat zumindest dessen Aussehen (über 1,90m groß, Preisboxer-Kreuz). Jeder sonst wirkt in rot-grünen Flanellkaros wie der wiederauferstandene Sänger einer gewissen Grunge-Band.

Bei den Farben sollte darauf geachtet werden, dass sie klar sind. Ich habe gegen braune Hemden absolut nichts, es sei denn, sie erinnern mich an den Streusand-Matsch auf den Straßen dieser Tage. Sonst ist erlaubt, was gefällt (an alle Anwälte, die jetzt mit ihrem pinken Hemd in der erzkonservativen Großkanzlei unangenehm auffallen: auf den Anlass darf geachtet werden).

Zu guter Letzt: der Schnitt. Jedes Hemd sollte körperbetont sitzen, natürlich sollte jedes Kleidungsstück gut sitzen. Doch bei Hemden tritt, insbesondere bei Anzugträgern, gelegentlich das Phänomen auf, dass die Besitzer meinen, das Hemd sei ja ohnehin nur "zum druntertragen" und könne auch etwas flattern. Kann es nicht. Darf es nicht. Die Ärmel werden zwangsläufig zu lang sein, was auffällt, die Brust wird Falten werfen. Und zu Kurzarm-Hemden muss ich nicht wirklich etwas schreiben, oder?

Eigentlich alles gut zu verstehen und zu befolgen. Im Ciu' jedenfalls war ich in Gedanken bereits aufgestanden, hatte den Herrn gestoppt, ihm schnell mein Brooks-Brothers-Hemd geliehen (und in den Hosenbund gestopft), ein paar gute Worte mit auf den Weg gegeben und sein Weizenglas gegen einen Tumbler vertauscht, um seinen Anbandelungsversuch zum Erfolg zu führen. In der Realität bewegte ich mich natürlich keinen Zentimeter, sondern genoss das klägliche Scheitern des Flirts, um süße Rache für die aufgestellten Härchen in meinem Nacken zu nehmen, die sein Outfit verursacht hatte.


Dorian Gray:
- prophezeit einen rasanten Sturz des McQueen-Labels
nach dem Ableben seines Schöpfers
- wünscht dem Winter alles Gute auf seiner hoffentlich baldigen Reise aus der Stadt
- möchte Einstecktücher auch bei Mänteln propagieren

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Satanische Verse in der Handelskammer

Ich gebe gleich zu Anfang zu, dass ich meinen Blog geradezu sträflich vernachlässigt habe und entschuldige mich ausdrücklich bei meiner gigantischen Leserschaft für die Zeit des Darbens. Fakt ist zwar, dass mir in der Zwischenzeit genug Leute begegnet sind, die eine öffentliche Rüge und anschließende Geißelung verdient hätten (um nur einige zu nennen: Gummistiefel en masse, die wiederholte Rückkehr der Uschanka und die Dame mit den Overknees zum Chanel-Kostümchen, die aussah, als spiele sie die unartige Schülerin im Rektorzimmer), doch erstens ließ die Inspiration auf sich warten und zweitens muss man über einige menschenrechtsverletzende Modekatastrophen hinwegsehen können, um nicht permanent in Tränen auszubrechen. Insbesondere im Winter laufen nämlich beunruhigend viele miserabel angezogene Gestalten herum.

Gestern Abend jedoch war ich auf einem Vorstandstreffen. Ich saß F. gegenüber, der das grundsätzliche Problem hat, bar jeden Stilwissens zu sein (nicht nur, dass er schlechtsitzende Anzüge und quadratische Slipper trägt, nein, er glaubt auch, mich damit beeindrucken zu können, wenn er mir von seinem sechsstelligen Jahreseinkommen berichtet und vom Kauf seines neuen 5er BMWs. Man protzt nicht. Zumindest nicht auf diese niveaulose Art.). Jedenfalls verlor ich mich gerade träumerisch in dem 3D-Bild-artigen Muster seiner Krawatte, als eine Einladung der Handelskammer Hamburg herumgereicht wurde. Anlass war die "Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns", eine altehrwürdig hanseatische Institution.

Prinzipiell mag ich Events, die nach mehreren Jahrhunderten riechen und so besah auch ich mir die Einladung genauer. Angegeben war ein Dresscode, der das Faß meines modischen Verständnisses überlaufen ließ und mich zu diesem Post veranlasste. Es stand geschrieben:

Dunkle Kleidung ist erwünscht.

Ist es tatsächlich schon so weit mit formellen Anlässen gekommen? Ich habe mich zähneknirschend damit abgefunden, dass im Casino auch am Wochenende keine Sakkopflicht mehr herrscht und Anwälte in Jeans und Rollkragenpullover unter einer abgewetzten Robe im Gericht auftreten. Aber "dunkle Kleidung"? Treffen sich in der Handelskammer neuerdings Gothic-Anhänger zu einem gemütlichen Leseabend des Necronomicons bei Tee und Plätzchen? Hat der Schwarze Block seine Jahresversammlung dort angesetzt?

Wer die Bekleidungsregeln für solche Abendveranstaltungen festlegt, möge es doch bitte dann ganz sein lassen. Ich kann mir gut vorstellen, wie diejenige Person über dem Einladungsentwurf brütet und keine Lust hat, schon wieder ein Leihsakko zu bezahlen. Und dann die wundervollen anthrazitfarbenen, schwarzen und dunkelbraunen Hemden im Kleiderschrank findet, eines anzieht, in der schwarz-verwaschenen Jeans vor dem Spiegel steht und denkt: Junge, siehst du fesch aus. Und der Haifischkragen bringt das Herr-der-Ringe-Amulett so vorteilhaft zur Geltung. Frau Hahnkamm aus der Buchhaltung wird ihre Finger nicht von dir lassen können! Und schon ist so eine peinlich informelle Kleidungsvorschrift entstanden.

Eigentlich sollte ich aus purem Trotz in einem nagelneuen Tom-Ford-Smoking an der Versammlung teilnehmen und den Dresscodeerfinder mit einem huldvollen Nicken auf seinen Platz verweisen. Leider war die Einladung veraltet und das sicherlich aus modischer Hinsicht katastrophal verlaufene Event bereits vorüber. Ich musste mich also damit begnügen, beim Schreiben dieses Artikels meine neue Fliege zu tragen und einen Tumbler mit gutem Whisky in der Hand zu halten. Um kurz vor zwei Uhr nachmittags.


Dorian Gray:
- hat in den letzten Wochen seine handwerklichen Fähigkeiten perfektioniert
- bewundert den Herrn vom Samstagabend, der das Rauchen zu einer hohen Kunst erhoben hat
- kann es kaum erwarten, im Januar in Paris die ultimative modische Erfüllung herbeizushoppen

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Aussageverweigerungsrecht

"Meine Alten waren im Urlaub auf Sylt - und alles, was sie mir mitgebracht haben, ist dieses lausige T-Shirt."

So lautete der Spruch auf dem Oberbekleidungsstück, für das ich M. aus meiner Grundschulklasse so sehr beneidete. Ich bettelte und flehte bei meinen Eltern, ob sie mir nicht auch so ein Shirt voller Witz, Esprit und Ironie auf der Insel kaufen könnten, doch sie blieben erbarmungslos. Leider hatte ich noch kein eigenes Einkommen, denn es waren die frühen 90er Jahre und Arbeit war bei Achtjährigen eher unüblich.

Rückblickend bin ich meinen Eltern wirklich, wirklich dankbar, dass sie sich geweigert haben, ein T-Shirt mit aufgedrucktem Spruch zu kaufen. Denn Klamotten mit -geschriebener- Aussage sind, ebenso wie Schuhe mit Blinklichtern an der Hacke, der Macarena-Tanz und eben der Ausdruck "meine Alten", trauriges Zeugnis der Neunziger - und sollten auch dort bleiben.

Doch leider begegnet man auch heute noch Verfechtern, die die Überzeugung "meine Kleidung muss etwas aussagen" etwas zu wörtlich vertreten. Im letzten Monat begegnete mir zwei Mal der "Waschbärbauch", jeder Dorfjugend-Junggesellenabschied (ich verzichte dankend auf die politisch korrekte "/-innen" Anpassung) schmückt sich mit "Game Over", "letzter Tag in Freiheit", oder einfach nur "Jürgen", "Manni" und "Die Ann-Kathrin".

Exkurs - An dieser Stelle ein Hinweis an den künftigen Ausrichter meines Junggesellen-Abschiedes: sollte an diesem Tag jemand mit einem "lustigen" T-Shirt auch nur in meine Nähe kommen wollen, sollte er zuvor seinen Frieden mit der Welt geschlossen haben. Ich werde ein Hemd, je nach Anlass gegebenenfalls kombiniert mit einem Sakko tragen. Oder nichts. Nichts wäre auch in Ordnung.

Warum nur trägt man zu diesem eigentlich doch freudigen Anlass T-Shirts, die die Hochzeit als schlimmstmögliche Zukunftsvorstellung darstellen? Sollte man dann nicht noch einmal über die Vermählung per se nachdenken? Mit dieser Einstellung in die Ehe zu gehen, dürfte auch für den Partner ein eher zweifelhaftes Vergnügen sein. Und ja, ja, ich höre schon die Stimmen der alkoholisierten Feierwütigen: "Das ist doch ironisch gemeint!"
Kleidung sollte niemals ironisch gemeint sein. Denn die Ironie erschließt sich mit Sicherheit nicht auf den ersten Blick, wahrscheinlich sogar niemals (schließlich sollte man sich mal ansehen, wie andere Menschen so rumlaufen, die keinesfalls ironisch sein wollen...), was zur Folge hätte, dass jeder Ironiker am Besten eine Mütze tragen sollte, auf der geschrieben steht, dass sein Outfit bzw. die damit verbundene Aussage ironisch gemeint sind. Womit wir wieder bei der Aufschrift auf Kleidung wären. Und wer weiß dann, dass diese Mütze nicht auch wieder ironisch gemeint ist?

Meine geneigten Leser dürften das Problem also sehen. Kleidung mit Aufschrift sollte Leuten wie der "Feuerwehr" oder der "Polizei" überlassen werden. Doch leider hat die Aussagekraft auf T-Shirts nun auch in der -preislichen- Oberklasse Einzug gehalten. Ich zitiere von der Homepage einer in der Innenstadt gelegenen Einkaufspassage:

"Die Kollektion aus Shirts, Jacken, Blusen & Hemden, sowie Sweats - teilweise opulent verziert mit dem Feinsten des Feinen: CRYSTALIZED / Swarovski Elements - war bisher nur in Berlin erhältlich."

Ich lasse desweiteren ein Bild sprechen, weil ich nicht wüsste, wo ich anfangen soll, wüst über den beschriebenen Laden herzuziehen, der besser in Berlin hätte bleiben sollen.


So. Die Aussage über das "Feinste vom Feinen", die "Crystalized Elements", übergehe ich mal geflissentlich. Aber: "Großstadt-Adel"? Zu welchem Anlass konkret trägt man das? Wenn man auf dem Dorf die oben erwähnten Junggesellen beeindrucken möchte? Im Übrigen gehe ich davon aus, dass etwa 100% der Träger, wie auch die Designer dieser Jacke den "Gotha" noch nicht mal von weitem eingesehen haben, geschweige denn darin Erwähnung finden.

Ich möchte meine geschätzten Leser außerdem auf das beinahe unauffällige Top auf der linken Seite aufmerksam machen. "Save the Animals: Den Nerz im Schrank / Den Jaguar in der Garage / Den Hengst im Bett"
Die silikonbebrüsteten (wie kommt mir bloß dieses Bild in den Kopf...?) Trägerinnen dieses Meisterwerkes werden unter Garantie nur höchstens zwei der beschriebenen Tiere haben. Sind es die ersten beiden, liegt im Bett ein Manati mit dickem Bankkonto - der junge Hengst soll dann auf diese überaus ansprechend-frivole (an dieser Stelle setze ich mein "Ironie"-Mützchen wieder ab) T-Shirt-Aussage anspringen.
Die Alternative ist die Frau, die nichts von alledem hat und die, dank des Humors eines Bierkutschers (an dieser Stelle ein Gruß an alle noch lebenden Vertreter dieses Berufsstandes) den Spruch urkomisch findet und ihn ganz hervorragend zu ihrem, ebenfalls Swarovski-besetzten, Ed-Hardy-Cap kombinieren kann. Oder eben zu Hengst-Mannis "Waschbärbauch"-Shirt, wenn er neben ihr läuft. Der Waschbär ist schließlich auch ein possierliches Tierchen.


Dorian Gray:
- hat endlich die perfekte Lederjacke gefunden
- musste heute schon zum zweiten Mal ohne Anwaltszulassung vor Gericht auftreten
- dankt dem "promovierten Volkswirt" vom Neuen Wall für seine wirren Ausführungen über politische und wirtschaftliche Verhältnisse

Donnerstag, 4. Juni 2009

Angst essen Seele auf

Natürlich gibt es bei modischen Eigenheiten nicht immer nur "falsch" oder "richtig". Wie bereits öfters erwähnt, ist vieles Geschmackssache. Über viele modische Fehltritte lässt sich allerdings nicht diskutieren - schon gar nicht mit mir. Doch man beachte: "falsch" kann oftmals nicht bloß falsch sein. Es geht noch weit schlimmer. Ein Beispiel:
Wenn man ein T-Shirt trägt, dass permanent einen Streifen Bauch hervorblitzen lässt, so fällt dies unter "Fauxpas". Kurze Shirts sind okay, zu kurz - nein. Wenn man (und von jetzt an gehe ich nur noch von weiblichen Beispielspersonen aus, denn in Kategorie 1 gibt es durchaus noch männliche Vertreter, im Folgenden eher nicht mehr - zumindest nicht abseits des CSD) nun aber BEWUSST ein bauchfreies Shirt, Top, was-auch-immer aus dem Kleiderschrank zieht und sich allen Ernstes denkt "hm, das könnte ich mal wieder anziehen. Da blinkt mein Playboy-Bunny-Piercing auch so schön aus dem Bauchnabel hervor", ist das kein Fauxpas mehr, sondern schon eine regelrechte Stilsünde. Erstens sind die Neunziger vorbei, zweitens war das schon damals furchtbar (auch, wenn es noch niemand wusste) und drittens haben 90% aller Frauen, die sich für ein solches Outfit entscheiden, nicht den geeigneten Bauch dazu.

Es geht nicht schlimmer? Selbstverständlich. Und ich möchte betonen, dass die folgende Schilderung nicht meiner grusligen Phantasie entsprungen ist, sondern sich heute genau so!!! im Balzac Coffee-Shop in der Langen Reihe ereignete, als ich nichtsahnend mit L. dort saß und meine Kaffee-Vergewaltigung schlürfte.
Auftritt "Stil-GAU". Wobei man das Wort "Stil" hier nicht mehr benutzen sollte, auch nicht für eine Negativ-Beschreibung, denn es gibt nichts, was der Bedeutung von Stil ferner läge. Jedenfalls öffnet sich die gläserne Tür und der Modegott (uh, damit habe ich auch Blasphemie in diesen Blog eingebaut) weint über das, was kommt.
Sie. Bauchfrei, natürlich. Links und rechts wallt und wogt weißes Fleisch über die beige Stretch-Schlaghose. Das Ganze in Kombination mit roten Turnschuhen mit KLETTVERSCHLÜSSEN (diese totaaaal angesagten, schrägen Klettverschlüsse) und blonden, längst weit rausgewachsenen Strähnen inmitten des braunen Pottschnittes. Zurück zur Körpermitte: Das Top lässt nicht nur den Bauch frei. Nein, es ist auch noch gemustert. Gemustert!! Es scheint einem Alptraum der 60er Jahre entsprungen zu sein: Brauner Grundton, darauf verteilt in Reihen angeordnete, 5-Mark-Stück-große rote Punkte mit silbrig-blauer Umrandung. Stretch-Stoff. Dezente Falten am Bauch. Und ich meine nicht Falten im Stoff.

Im Radio läuft gerade "Everybody Hurts" von R.E.M. Ich mag R.E.M. nicht, aber das Lied trifft den Ton meiner Stimmung angesichts dieses Desasters. Falls die werte Dame meinen Blog tatsächlich lesen sollte (ha, ha) : ich biete mich für ein Umstyling an. Ich BEZAHLE sogar dafür. Und das ist doch ein Angebot, oder nicht?


Dorian Gray:
- hat gestern seine Gelüste beim "Private Sale" von Ralph Lauren befriedigt
- trägt seine Wunden und blauen Flecken vom Wochenende mit Stolz
- hält "Fegefeuer der Eitelkeiten" für einen Meilenstein der Literatur, aber kann mit Goethe nichts anfangen

Samstag, 16. Mai 2009

Grundregeln

Samstag ist Shopping-Tag. Genau genommen weiß ich nicht, warum ich bei diesen Menschenmassen am Wochenende nicht einfach unter der Woche in die Innenstadt gehe - andererseits hat man dann viel mehr zum gucken und lästern. So auch heute, mal wieder mit H., köstlich amüsiert.
Leider besitzen viele Menschen kein Stilgefühl. Das hat nichts mit Gehässigkeit zu tun, das ist einfach eine Tatsache. Klar, es gibt häufiger Lichtblicke (der Vater, der sein Kind im Kinderwagen spazieren fährt und mit Sakko, Einstecktuch, offenem Hemd und Wildlederschuhen einfach perfekt abgestimmt angezogen ist, verdient eine besondere Erwähnung. Sollte er auf verqueren Wegen jemals dazu kommen, diesen Blog zu lesen: très chic!) , aber ein unangenehm großer Teil von Menschen ist schlicht und ergreifend be***issen angezogen. (Darf man im Internet fluchen? Ha, ha. Nicht, dass es auch Tierpornografie und Kinderhandel hier gäbe. Aber wir wollen ja ein gewisses Niveau halten, deshalb: "...schlicht und ergreifend unvorteilhaft angezogen")
Klar, über Geschmack lässt sich streiten. Obwohl das hier ja mein Blog ist und ich deshalb Narrenfreiheit besitze, was Urteile über die Wiederkehr von Jeansjacken oder Schulterpolstern angeht ("Nein" und "Nein"), gebe ich gerne zu, dass es überall irgendjemanden gibt, dem irgendetwas ganz hervorragend steht, worin jeder andere Mensch auf der Welt grausam aussähe. Gewusst wie, lautet die Devise zum Kombinieren. Trotzdem gibt es vier Dinge, die niemals gehen. Ich wiederhole: niemals. (über richtige und falsche Männertaschen habe ich mich ja schon zwei Posts zuvor ausgelassen)

1. Partnerlook
Aufeinander abstimmen: meinetwegen. Wenngleich auch schon etwas verquer. Aber ähnliche oder sogar identische Kleidungsstücke. Bitte. Bitte. Nicht.

2. Neon
Muss ich das ehrlich noch weiter ausführen?

3. Funktionskleidung
Die Bezeichnung "Funktions-..." kommt nicht von ungefähr. Diese Art von Kleidung erfüllt einen weitergehenden Zweck als nur zu kleiden und sieht leider auch so aus. Also bitte, alles, was "vor kurzem in dieser Bergsteiger-Reportage aufgetaucht ist" - weglassen. (Das gilt für die Stadt. Jeder, der mich jetzt verflucht, weil er sich in der Antarktis in seinem hauchdünnen Gucci-Blouson die Nippel abfriert, hat nicht aufgepasst. Wenn die Funktion von Funktionskleidung tatsächlich genutzt werden soll, dann bitte, auf jeden Fall! Man beachte allerdings Punkt 2 dieser Aufstellung. Der gilt wiederum nämlich immer.)

4. Ed Hardy
Ob ich jetzt Morddrohungen von Leuten bekomme, die ihre Caps nicht ganz auf den Kopf setzen können, weil dann ihre hochgegelten Haarspitzen abbrechen? Dieses Label hatte nur eine sehr kurze Halbwertzeit - und das Verfallsdatum ist mittlerweile lange überschritten. Bitte keine Tattoo-Motive mehr. Christian Audigier, Sie können gerne weiter bei GNTM und Taff in Reportagen auftauchen. Aber Ihre Produkte mögen Sie doch bitte an Britney Spears schicken. Nicht mehr nach Europa.

Sollte jemand diese Liste erweitern wollen, bin ich gerne offen für Eingaben - oder werde sie gegebenenfalls gehässig widerlegen. Umgekehrt werde ich mich allerdings nicht von diesen vier Punkten abbringen lassen.


Dorian Gray:
- hat sein zweites Buch theoretisch fertiggeschrieben
- würde für DEN Hermès-Gürtel zur Not auch töten
- kann sich gerade nicht zwischen Tiefkühlpizza und wieder aufgewärmtem chinesichen Essen entscheiden

Dienstag, 5. Mai 2009

Kein Klatsch, kein Tratsch...

Der Grund dafür, dass so lange kein Post mehr erschienen ist, ist eher simpel: Es passiert nichts! Sämtliche Studenten an der Uni dümpeln so vor sich hin, niemand trägt ein erwähnenswertes Outfit oder turtelt erwähnenswerterweise. Auch mir unbekannte Leute - oder Personen des öffentlichen Lebens - lassen sich zur Zeit nichts zuschulden kommen (Ausnahme vielleicht der eine oder andere "Oh-mein-Gott-hast-du-DIESE-Leggings-gesehen?-BEÄNGSTIGEND!"-Vorfall, speziell sei der mit meiner werten Freundin H. beim shoppen erwähnt.) Und ich werde den Teufel tun und hier mein Privatleben breittreten, auch wenn gesagt sei, dass es zur Zeit durchgehend positiv verläuft. Und das ist noch deutlich untertrieben.

Kommilitone Unbekannt zog allerdings heute - von ihm vermutlich unbemerkt - meinen Abscheu auf sich. Selbstbräuner KANN eine feine Sache sein, wenngleich ich absolut kein Fan bin. Aber dezent aufgetragen, vorher gepeelt und so weiter und so weiter... Wenn jetzt jedoch besagter Typ, sich augenscheinlich gut fühlend, allen Ernstes mit dem Teint einer reifen Orange (sehen unreife eigentlich anders aus...?) UND noch dazu blondierten Spitzen (BLONDIERTEN!!! SPITZEN!!!) herumrennt, dann ist mein Glauben an das männliche Stilbewusstsein arg erschüttert.


Orange

Selbstbräuner


Studentin C. (eigentlich kenne ich ihren Namen nicht, aber sie hatte vor sich eine Flasche "Contrex"-Wasser stehen, dessen Benennung mich immer an Verhütungsmittel denken lässt) zeigte sich heute im "Introduction to U.S. Law"-Seminar sehr ungehalten über die verschiedentliche Benutzung zweier Stiftfarben. Die Dozentin, Professor F. aus NYC, merkte nach geraumer Zeit an, dass die Farben völlig willkürlich gewählt seien. C., entrüstet: "Das hätte sie jetzt auch echt mal früher sagen können!". Man hätte es sich anhand der Willkür auch denken können. Aber so viel zu "Mädchen studieren nicht, sie malen aus und unterstreichen".


Dorian Gray:
- hört ständig die Tom-Ford-Jeans für € 599 nach ihm rufen
- hat letzte Woche das erste Mal im Leben Apfelkuchen gebacken
- kann keine Totenköpfe mehr sehen (2005 ist endgültig vorbei!)