Dienstag, 3. November 2009

Strick' dich!

Novemberdepressionen werden meist durch das triste, ekelhafte Wetter und die daraus resultierende Trostlosigkeit ausgelöst.

Bei mir ist dies momentan nur indirekt so. Das Wetter steht gewissermaßen am Anfang einer Kausalitätskette, an deren Ende ich verzweifelt da stehe und nur noch den Kopf schütteln kann. Denn das Wetter sorgt dafür, dass viele, zu viele meiner Hamburger Mitbürger versuchen, sich mit äußerst zweifelhaften Kopfbedeckungen warm zu halten.
Allen voran steht auf diesem Sektor eine Wollmütze, die aussieht, als sei sie von einer sadistisch veranlagten Großmutter gestrickt worden (tatsächlich stammen diese Mützen zu 99% von einem Massenware-Modeimperium, dessen Logo aus zwei Buchstaben und dem "&"-Zeichen besteht; ein Tipp: es ist nicht D&G).

Am Samstag begegnete mir ein solcher Kopfschmuck. Er traumatisierte mich dermaßen, dass ich erst jetzt darüber schreiben kann. Das corpus delicti war schmutzigweiß, grob gestrickt, hatte zwei geflochtene Zöpfe an den seitlichen Ohrenklappen hängen und obenauf etwas, das, wenn in eine Frisur integriert, gemeinhin als "Asi-Palme" bezeichnet wird.

Erstmals waren diese Mützen in den späten 90er Jahren bei Snowboardern aufgetaucht (und hatten die "Drachenschwanz"- bzw. "Irokesenschnitt"-Mützen abgelöst), die damit gegen das Establishment protestieren, allen ihre coole und abgedrehte Persönlichkeit aufdrängen, oder einfach nur ironisch-lustig sein wollten ("Seht her, auf dem Kopf sehe ich aus wie ein Lama-Bergführer aus den Anden!"). Über ironische Modestatements habe ich mich ja erst jüngst ausgelassen.


Nun also tauchen diese Dinger auch in Hamburger Fußgängerzonen auf, um jedes noch so bezaubernde Outfit zielsicher zugrunde zu richten. Diese Mütze suggeriert, dass die Handschuhe an der Jacke festgenäht sind und die oben genannte Großmutter einem morgens die langen Unterhosen rauslegt, damit man nicht friert.

Als die Mütze mir nun begegnete, tat sie es - wie könnte es bei meinem Glück anders sein - gleich in dreifacher Ausführung. Und auch noch direkt nebeneinander. Drei Grazien in "BFF" (best friends forever, von Paris Hilton maßgeblich geprägter Jugendslang) -Manier wollten ihre innere Verbundenheit dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie diese exakt identischen Augenbeleidigungen bei einander untergehakt nebeneinander gehend durch die Innenstadt trugen.

Meine geneigten Leser dürften meine zeitweise Atemnot nachvollziehen können. Das mittlere der drei Mädchen, nach "BFF"-Regeln also die Anführerin (die, deretwegen sich die beiden anderen früher oder später streiten werden) sah zu allem Überfluss auch noch aus, als sei sie von ihrem Malkasten vergewaltigt worden, so bunt (und definitiv nicht zusammenpassend) war sie vom Hals an abwärts gekleidet.

Es ist in Ordnung, das graue Wetter durch Farbtupfer vertreiben zu wollen. Es ist hingegen nicht in Ordnung, wenn die Farbtupfer alle gleichzeitig versuchen, dasselbe Outfit zu bespringen. Rote Leggings, blaues Flatterkleidchen, grüner Mantel, sandfarbene Ugg-Boots und rotbraun gemusterter Schal... Ich jedenfalls musste minutenlang den angenehm tiefgrauen Novemberhimmel anstarren, um meine Augen wieder zu beruhigen.


Dorian Gray:
- entrichtet an dieser Stelle einen Gruß an B.s Hut, der das Mützenproblem zutiefst elegant umschifft
- würde in Zukunft gerne öfter Fliege tragen
- hat endlich seine "Queen - Greatest Hits"-CD wiedergefunden

Kommentare:

Jule hat gesagt…

Ich mag diese Mützen :). Aber ich verkneife mir dann doch die rote Leggins dazu...

Anonym hat gesagt…

Darf ich anmerken, dass Handschuhe nicht an Jacken festgenäht werden? Sondern durch einen verlängerten Andenmützenzopf miteinander verbunden sind und daher von besagter Großmutter auch zu einer anderen Jacke um den Hals gewürgt werden können? Warum fällt mir jetzt ein, wie Wollhandschuhe schmecken?